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Arbeit zum Text
Mit Anlauf über die Mauer
von Michael Zink
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Ich trete in die ehemalige Kapelle und halte inne. Eine Mauer wie ein grauer fester Quader, mehr als mannshoch, steht frei im Raum. Sie berührt weder Wände noch Decke – ein Fremdkörper in dem ehemaligen Kirchenraum – minimal und zurückhaltend, trotzdem brachial, über den sich filigran das gotische Gewölbe spannt. Die Mauer ist zu hoch, um darüber, und zu dick, um an ihr vorbei in den hinteren Teil des Raumes zu sehen, aus dem ein kühles Licht nach vorne strahlt und, reflektiert vom Kreuzgewölbe, die Mauer umgibt.

Die Oberfläche des Quaders ist von einem warmen gebrochenen Grau. Das Material erinnert an rauen Zement, den ich mit den Fingern berühren möchte, aber ich zögere. Die gesamte Fläche der Mauer ist mit einer zarten Malerei, einer Art Piktogramm überzogen, mit dem ich schon auf den ersten Blick »Stacheldraht« assoziiere. Die ungleichmäßigen feinen Grautönen wirken beinahe silbrig. Das Motiv ist mit einer Schablone lasierend aufgetragen, die Kanten sind präzise und klar. Nur die dezente Modulation der Farbwerte verrät die Handschrift der Künstlerin. Der Quader ist Leinwand, der Stacheldraht ist Malerei. Aber dieser Stacheldraht ist harmlos, ohne Stacheln und mittels Farbpigmenten nur angedeutet auf dem Zement. Das eigentliche Hindernis ist die Mauer. Sie ist undurchdringlich. Sie versperrt mir die Sicht und den Weg. Der Stacheldraht befiehlt mir, Abstand zu halten. Plötzlich geschieht etwas Besonderes: Mir wird die Ironie dieses Stacheldrahts bewusst. Der Stacheldraht ist harmlos, aus dünner Farbe! Nicht er ist es, der mich daran hindert, über die Mauer zu springen, nur die Idee. Die Mauer selbst ist ebenfalls Illusion. Fast muss ich lächeln. Wie leicht ich mich doch selbst hinters Licht führe, wie unüberwindbar ich die Mauern in meinem Kopf aufbaue, die sich nun als reine Fassaden aus vorschnellen Urteilen und flüchtigen Impressionen entpuppen.

In diesem Spannungsverhältnis von Ironie und Selbsterkenntnis bekommt die Skulptur von Anne-Katrin Puchner eine Leichtigkeit, beinahe Schwerelosigkeit in dem Raum der Sigismund Kapelle. Die Mauer verliert ihre Wucht, ihre Stabilität, ihre Bedeutung, und ich verlasse den Raum erleichtert, ja sogar erheitert.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis. Denn auch, wenn die Sigismundkapelle schon lange kein sakraler Ort mehr ist, war der ehemalige Kirchen- und Andachtsraum wohl im besten Sinne dazu bestimmt, Einkehr zu halten, sich selbst und das eigene Handeln zu hinterfragen und mit Hoffnung und neuer Kraft den heiligen Ort wieder zu verlassen. Lässt man sich als Besucher auf die Begegnung mit der Skulptur von Anne-Katrin Puchner an diesem Ort ein, kann genau das, auch jenseits jeglicher religiösen Interpretation, geschehen.

Anne-Katrin Puchner ist mit ihrer ortsbezogenen Intervention in dem ehemaligen Kirchenraum ein ganz besonderes Moment der Balance gelungen. Wie ein Fremdkörper steht die Skulptur in dem Raum, in den sie aber so präzise eingepasst ist, dass es keinen besseren Ort für sie geben kann. Mauer und Stacheldraht erzeugen das massive Bild einer Barriere. Sie erzählen von Abgrenzung und Trennung, physisch wie emotional. Jedoch löst sich dieses Bild im gleichen Moment wieder auf und offenbart sich als reine Illustration einer Idee. Die Skulptur bedient sich dabei einer minimalen, aber direkten Sprache. Der Brückenschlag von der physi-schen Konfrontation mit der unüberwindbaren Barriere und dem warnenden Stacheldraht hin zu den sich auflösenden Mauern im Kopf ist ein schmaler Grat, den Anne-Katrin Puchner mit besonderer Eleganz meistert.