Wild Palms
Palmen gelten als DAS Symbol tropischer Vegetation und man findet sie als Motiv auf allen möglichen Gegenständen und in zahlreichen Filmen und Serien. Bereits als kleines Mädchen fasziniert von der gebogen Palme vor türkisfarbenem Meer habe in mal mehr, mal weniger mannigfaltiger Abwandlung in den 80er Jahren mit Postern dieses Motivs mein Kinder- und Jugendzimmer tapeziert. So verspürte ich auch schon lange den Wunsch Palmen in ihrer natürlichen Umgebung bewundern zu dürfen. Umso glücklicher bin ich mir den Traum in der Karibik und im indischen Ozean erfüllt haben zu dürfen.
Die Palme ist eine der ältesten und zugleich bedeutendsten Kulturpflanzen der Menschheit. Das beste Verhältnis zu Palmen haben die Naturvölker. Sie nutzen die Palme bis heute in einer Vielfalt, die uns schwer vorstellbar ist.
Im 19. Jahrhundert wurden sie aus den Kolonien mitgebracht. Es wurde schick Palmen als Zierpflanzen in Orangerien zu züchten und auszustellen, zuerst nur an den Adelshäusern, später auch in den Wintergärten der bürgerlichen Häuser. An Palmen wurde geforscht, aber man genoss auch ihre Schönheit nutzte sie zu dekorativen Zwecken. So waren große Sammlungen von Palmen sehr begehrt.
Seit Jahrtausenden prägt sie nicht nur die Landschaften tropischer und subtropischer Regionen, sondern auch die kulturellen, religiösen und symbolischen Vorstellungen zahlreicher Gesellschaften. In ihr verschränken sich Natur und Kultur, Ökonomie und Religion, Mythos und Alltag. Palmen sind Nutzpflanzen, deren Früchte und Rohstoffe das Überleben sichern, zugleich aber auch Sinnbilder für Sieg, Paradies und Unsterblichkeit. Diese Doppelrolle macht sie zu einem faszinierenden Forschungsgegenstand der Kulturwissenschaften.
Die Symbolkraft der Palme ist sehr hoch und reicht geschichtlich weit zurück. Nur ein paar Beispiele: Der Palmsonntag, der dem Osterfest vorausgeht, erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem, bei dem ihm Menschen Palmzweige zu Füßen legten. Bei den Römer und Griechen ist sie ein Symbol für Sieg, weshalb sie den Siegern bei den Olympischen Spielen überreicht wurde. Im Alten Ägypten galt die Palme als Attribut der Sonnengottheit Ra und war mit dem Zyklus von Leben und Tod verbunden. Auch im Koran wird die Dattelpalme vielfach erwähnt, besonders im Zusammenhang mit Maria und der Geburt Jesu: Sie findet unter einer Palme Zuflucht, deren Früchte ihr Kraft geben. Die Palme ist hier Lebensspenderin und Zeichen göttlicher Fürsorge. Und in unserer westlichen Welt war sie schon immer auch Symbol für Fremdartigkeit, Sehnsucht nach anderen fernen Welten und das bis heute. Seit dem 20. Jahrhundert gilt die `Ferien-Palme´ im Tourismus als Inbegriff des Paradiesischen. Palmenstrände stehen auf Reiseplakaten und Postkarten für Exotik, Freiheit und Entspannung und werden zum Projektionsobjekt westlicher Sehnsüchte.
Politisch wiederum wurde die Palme zu einem zentralen Identitätssymbol. Viele Staaten des Nahen Ostens, Nordafrikas und der Karibik führen Palmen im Staatswappen oder in der Flagge – etwa Saudi-Arabien, Haiti, Cuba oder Guam. Hier steht sie sowohl für nationale Ressourcen als auch für kulturelle Identität. Über ihre symbolischen Konnotationen hinaus ist die Palme nämlich eine der wichtigsten Nutzpflanzen der Menschheitsgeschichte. Es gibt insgesamt 210 Gattungen und 2800 Arten. Besonders zwei Arten haben globale Bedeutung erlangt: Die Dattelpalme und die Kokospalme. Mit der Kolonialexpansion Europas wurden Palmenprodukte in globale Handelsnetzwerke eingebunden. Besonders das Palmöl, das aus der Ölpalme gewonnen wird, erlangte seit dem 19. Jahrhundert große wirtschaftliche Bedeutung. Die wirtschaftliche Bedeutung brachte jedoch auch koloniale Ausbeutung, Landraub und ökologische Zerstörung mit sich. Noch heute sind Palmöl-Plantagen ein umstrittenes Thema: Sie stehen für Monokulturen, Regenwaldabholzung und soziale Konflikte, zugleich aber auch für globale Versorgung und ökonomische Chancen.
Die Palme ist mehr als nur eine Pflanze tropischer und subtropischer Regionen: Sie ist ein vielschichtiges Kulturphänomen, das seit Jahrtausenden das Verhältnis des Menschen zur Natur widerspiegelt. Ihre Geschichte zeigt, wie eng Nutzbarkeit und Symbolik, Ökonomie und Religion, Kolonialismus und Globalisierung miteinander verwoben sind.